Therapeutisches Klettern

Kletterwände
Neben den klassischen Sportarten wurden in den neunziger Jahren eine Vielzahl neuer Bewegungsformen entwickelt oder ursprüngliche wiederentdeckt. Zu dieser Gruppe gehört das Sportklettern, das sowohl als Freizeit- als auch als medienwirksamer Wettkampfsport einen rasanten Aufschwung erlebt hat. Mit der Entwicklung von künstlichen Kletterwänden ist auch die Therapie auf die Vorzüge des Kletterns aufmerksam geworden.

Verhaltensänderung
Viele Klienten/Patienten vermitteln nicht selten das Bild, sei seien nicht selbst für ihren Körper oder ihren physischen Zustand verantwortlich. Darum sollten wir Trainer aber auch der Therapeut uns als Ziel setzen - insbesondere bei Nichtsportlern - Grundlagen zu schaffen, die eine dauerhafte Verhaltensänderung über den Therapieverlauf hinaus hervorrufen. Häufig ist die Eigenverantwortung und die Mitarbeit des Patienten/Klienten - besonders wenn die Zielstrebigkeit wie bei Leistungssportlern fehlt - die größte Hürde in der Trainingstherapie.    

Motivation
Wenn man bei einem Rekonvaleszenten erreicht, dass er während der Trainingstherapie Spaß an sportlichem Training entwickelt, ist die Chance groß, einen Patienten als Kunden für ein langfristig angelegtes präventives Funktionstraining zu gewinnen. Die Klettertherapie kann hierfür einen wertvollen Beitrag leisten, denn neben den positiv physischen Anforderungen wie Verbesserung von Kraft und Koordination hat Klettern auch eine positiv psychische Wirkung. Erwachsene rufen Bewegungen ab, die sie seit ihrer Kindheit nicht mehr ausgeführt haben. Durch das Klettern entsteht daher ein hoher motivationaler Anforderungscharakter, den stationäre Trainingsgeräte nicht liefern.  

Motorische Bewegungsprogramme
Abgespeicherte motorische Bewegungsprogramme liegen bei sportlich inaktiven Menschen nur in Grobform vor. Bei traumatologischen und chronisch-degenrativen Prozessen kommt erschwerend hinzu, dass durch zeitweiligen oder anhaltenden Schmerz (Nozizeption) Muskelgruppen gehemmt werden, die Veränderungen in der Zielmotorik auzuslösen.

Wie schon des Öfteren in meinen Beträgen erwähnt, handelt es sich hier um eine automatisierte, über Reflexe gesteuerte Schutzfunktion des Körpers. Der Körper vermeidet Bewegungen, die Schmerzen und damit weitere Schädigungen verursachen könnten. Durch eine Verletzung kommt es also zu einer Störung im Bewegungsprogramm, die einen negativen Einfluss auf die Steuerung der Gesamtmotorik nimmt. Mit anderen Worten: Werden die sich zwangsläufig entwickelnden Schonhaltungen nicht frühzeitig aufgebrochen und beseitigt, können Langzeitschäden in der Gesamtkoordination des Körpers entstehen. Eine solche manifestierte Veränderung der Körperstatik bringt in der Regel Folgeschäden (z.B. Arthrose) mit sich, die nur schwer wieder zu beheben sind.

Alternative - Klettertherapie
Durch eine Klettertherapie können die gestörten Bewegungsprogramme neu angebahnt, reorganisiert und im weiteren Trainingsverlauf ökonomisiert werden, vergleichbar mit der Vojta-Therapie (Die Vojta-Therapie ist eine physiotherapeutische Behandlungsmethode bei Störungen des zentralen Nervensystems und des Haltungs- und Bewegungsapparates. Sie wurde von dem tschechischen Neurologen Vaclav Vojta, in den 1960er Jahren entwickelt). Folgende therapeutische Ziele können durch eine Klettertherapie verwirklicht werden:   

- Bahnung physiologischer Bewegungsabläufe, bevor sie von manifestierten Schonhaltungen (Pathologische Ersatzmuster) verhindert werden

- Einbettung von Muskeln, die durch Verletzung reflektorisch gehemmt sind oder innerhalb von Bewegungsketten noch gar nicht aktiviert wurden

- Globale Körperhaltungsveränderungen durch Verbesserung der Körperschwerpunkts-verlagerung und -haltungskoordination. Aufrichtung, Gleichgewichtssteuerung   

- Positiver Transfer von funktionellen Aspekten auf Motivation und Mitarbeit des Patienten, Erhöhung der Bewegungsbereitschaft und subjektiver Angstabbau

- Aktivierung der Afferenzstimulation (Propriozeption) durch hohe Fußaktivität (Barfussklettern!)


Trainingshinweise

Allgemein gültige Anweisungen für die praktische Umsetzung des Kletterns in der Rehabilitation:

- beim Training an künstlichem Kletterwänden kann im Gegensatz zum Sportklettern auf Sicherungen durch Seil und Gurt und auf spezielle Kletterschuhe verzichtet werden

- der Trainierende befindet sich nur bis zu zwei Meter über den Boden

- zudem wird der Grund durch eine Weichbodenmatte abgesichert  

- Sturzgefahren sind damit auf ein Minimum reduziert

- die Wahl von großen Griff- und Trittelementen verhindert einer Überlastung der Finger- und Sprunggelenke

Beachten Sie: Anfänger neigen dazu, zu stark über die Kraft der Hände und Arme zu arbeiten. Achten Sie darauf, die hauptsächliche Hubarbeit des eigenen Körpers über die wesentlich größere Beinkraft zu leisten.

Kontinuität
Eine regelmäßige Anordnung der Elemente an der Kletterwand, d.h. in gleichem Abstand und gleicher Höhe zueinander, bietet den Vorteil, dass Bewegungsabläufe kontinuierlich wiederholt werden können. Dadurch wird die Kraftausdauer in den entsprechenden Bewegungsketten trainiert, ein Einschleifen funktioneller Bewegungsmuster gefördert und Funktionsstörungen demzufolge Schritt für Schritt eliminiert.

TIPP: Die Bahnung von Bewegungsabläufen über therapeutisches Klettern kann auch an einer herkömmlichen Sprossenwand vorgenommen werden. Aufgrund der Nichtveränderlichkeit von Tritt- und Griffelementen und der Beschaffenheit der Holme ist die Sprossenwand auf Dauer allerdings wenig anspruchsvoll und vermittelt zu geringe propriozeptive Reize.

Abschließend beurteilt, ist Klettern eine äußerst attraktive Bewegungsform, die in hohem Maße dazu beiträgt, ein präventives Funktionstraining über das Therapieende hinaus in den Alltag zu integrieren. Sport als lebenslanger Prozess!     

Klettertherapie in der Praxis

Folgende Trainingsreize können an einer Kletterwand erzielt werden:

Kniegelenk: Über den Anforderungscharakter der Kletterwand können Streckmuster im Kniegelenk nach Verletzungen wie zum Beispiel Kreuzbandrissen angebahnt uns provoziert werden.

Sprunggelenk: Über den Anforderungscharakter der Kletterwand können Streckmuster im Fußgelenk nach Verletzungen wie zum Beispiel Supinationstrauma oder Achillessehnenriss angebahnt und provoziert werden.

Haltungsstabilisation: Durch Heranziehen des Körpers an der geneigten Kletterwand wir die Zwischenschulterblattmuskulatur auftrainiert, was zum Beispiel Haltungsproblematiken entgegenwirkt.

Funktionelles Latissimus-Training: Bei enger Griffführung gegen das eigene Körpergewicht erhält u.a. der Latissiums (breiter Rückenmuskel) funktionelle Trainingsreize, die zur Stabilisierung der Lendenwirbelsäule-Region beitragen.

Zentrierung der Oberarmkopfes: Das an einem Arm hängende Körpergewicht wird über das Nach-innen-Verschieben des Schulterblatts herangezogen, dieses Bewegungsmuster sorgt für eine Zentrierung des Oberarmkopfes, wodurch Luxationen und Subluxation vermieden werden können.

Aktivierung der Ganzkörperstabilisation: Einarmiges Halten an der geneigten Kletterwand sorgt für eine erhebliche Beeinträchtigung der Balance, der Körper wird zu einer Ganzkörperaktivierung gezwungen.  

Funktionelles Streck- und Zugmuster: Parallele Fuß- und Armstellung an der Kletterwand provoziert ein gleichmäßiges Arbeiten beider Körperhälften bis in die Endstreckung; die gesamte Streckschlinge des Körpers wird aktiviert.

Funktionelles Streck- und Zugmuster: Parallele Fußstellung und versetzte Armstellung erhöhen die Konzentration auf eine Oberkörperseite, zum Beispiel beim gezielten Auftrainieren der Armbeugegruppe des hoch positionierten Armes.

Funktionelles Streck- und Zugmuster: Konzentration auf die Armarbeit, wenn zum Beispiel die Streckung im Kniegelenk angebahnt werden soll, die Arme übernehmen hierbei die hauptsächliche Hubarbeit.  

Komplexe Bewegungsmuster: In der Endphase einer Rehabilitation orthopädischer Schadensbilder können komplexe Ganzkörperbewegungen an der Kletterwand zum Einsatz kommen, der gesamte Körper wird in seinen Streck- und Beugeschlingen im Sinne der intermuskulären Koordination (Zusammenwirken verschiedener Muskeln bei einem gezielten Bewegungsablauf)  funktionell gefordert.

Sollten Sie diesbezüglich Fragen haben, berate ich Sie gerne und natürlich können dezidiert effektive Trainingsprogramme erarbeitet und gemeinsame Trainingseinheiten durchgeführt werden.

Ihr
Stefan Krause

Schlüsselwörter: Kletterwände, Klettertherapie, Motivation, Verhaltensänderung, Bahnung physiologischer Bewegungsabläufe, neuromuskuläre Kontrolle

In diesen Ausführungen wurde bei allen Muskelbezeichnungen aus Gründen der schnelleren und einfacheren Lesbarkeit, auf die Voranstellung der Bezeichnung M. (musculus) bzw. Mm. (musculi) bewusst verzichtet.  

Quellen: (1) R. Rost (Hrsg.) Lehrbuch der Sportmedizin. Deutscher Ärzte-Verlag (2000) (2) Tittel K. Funktionelle Anatomie des Menschen (3) Gespräche und Workshops Dr. Gottlob Institut (4) Pschyrembel, de Gruyter 1998 (5) J. Weineck Sportbiologie 8. Auflage, (6) J. Weineck Optimales Training 15. Auflage, (7) Debrunner, Alfred M. Orthopädie/Orthopädische Chirurgie - Huber Verlag (4.Auflage), (8)  Adalbert I. Kapandji / Funktionelle Anatomie der Gelenke - Thieme (9) Rebel, M (2000) Koordinatives Training nach VKB - Operationen. Sportverletzung - Sportschaden 12-19 (10) Quante, M. & Hille, E. (1999). Propriozeption: Eine kritische Analyse zum Stellenwert in der Sportmedizin. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 50 (10), 36-310 (11) Froböse et al., Training in der Therapie - Grundlagen und Praxis 2003 S.156 (2. Auflage) München: Urban & Fischer (12) Bizzini, M. (2000). Sensomotorische Rehabilitation nach Beinverletzungen, Stuttgart: Thieme (13) Häfelinger, U. & Schuba V. (2002) Koordinationstherapie. Propriozeptives Training (Wo Sport Spaß macht). Aachen Meyer & Meyer. (14) Wirhed, R. & Danguillier, A. (Hrsg.). (1988). Sport-Anatomie und Bewegungslehre (2. Auflage). Stuttgart: Schattauer.